WHO-Empfehlungen

Die Weltgesundheitsorganisation hat in den 1980er Jahren den Bericht "Appropriate Technology for Birth" herausgegeben, der Empfehlungen für den Umgang mit Schwangerschaft und Geburt enthält. Diesem Bericht liegen zwei wesentliche Prinzipien zugrunde, die in Einklang mit dem Leitbild unseres Geburtshauses stehen. Entsprechend würdigen und respektieren wir sie:

Jede Frau hat das grundlegende Recht auf eine umfassende Betreuung in der Schwangerschaft. Sie steht bei allen Aspekten dieser Betreuung im Mittelpunkt und nimmt an der Planung, Durchführung und Beurteilung der Vorsorgemaßnahmen teil.

Für eine umfassende Betreuung in der Schwangerschaft sind neben der medizinischen Versorgung auch soziale, emotionale und psychische Faktoren entscheidend.

Die folgenden 16 Empfehlungen fußen auf diesen zwei Prinzipien:

1. Jeder sollte Zugang zu Informationen über die verschiedenen Verfahren der Geburtshilfe haben, damit es jeder Frau möglich ist, die für sie richtige Art und Weise der Geburtshilfe zu finden.

2. Die Ausbildung der Hebammen und aller Berufsgruppen, die die Frau und das Kind rund um die Geburt betreuen, muss gefördert werden. Die Betreuung während einer normalen Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett gehört zum Aufgabenbereich der Hebammen und der angrenzenden Berufe.

3. Alle Krankenhäuser sollten den schwangeren Frauen Informationen über die von ihnen praktizierte Geburtshilfe (z.B. die Höhe ihrer Kaiserschnittrate) frei zugänglich machen.

4. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für eine Kaiserschnittrate, die über 10 bis 15 % liegt.

5. Ein Kaiserschnitt muss nicht für alle folgenden Geburten ebenfalls einen Kaiserschnitt nach sich ziehen. Nach einer solchen Operation, bei der die Gebärmutter an einer tief liegenden Stelle geöffnet wurde, kann eine vaginale Entbindung angestrebt werden. Im Notfall sollte schnell ein Eingriff durchgeführt werden können.

6. Es gibt keine Beweise dafür, dass die routinemäßige elektronische Dauerüberwachung der kindlichen Herztöne einen positiven Einfluss auf den Ausgang der Geburt hat.

7. Für eine Rasur der Schamhaare oder einen Einlauf vor der Geburt besteht kein Anlass.

8. Während der Wehentätigkeit sollten schwangere Frauen nicht auf dem Rücken liegen. Sie sollten angeregt werden, während der Wehen herumzulaufen und sich frei zu entscheiden, in welcher Position sie gebären möchten.

9. Routinemäßige Dammschnitte sind nicht zu rechtfertigen.

10. Geburtseinleitungen sollten nicht aus Bequemlichkeit stattfinden. Eine Verabreichung von Wehenmitteln sollte nur nach strenger medizinischer Indikation erfolgen.

11. Schmerzstillende und betäubende Medikamente sollten nicht routinemäßig, sondern nur zur Behandlung oder Verhütung einer Geburtskomplikation eingesetzt werden.

12. Für eine frühzeitige Eröffnung der Fruchtblase als Routineeingriff gibt es keine wissenschaftliche Begründung.

13. Das gesunde Neugeborene gehört zu seiner Mutter, wenn es der Zustand von beiden erlaubt. Die Beobachtung des Kindes rechtfertigt nicht die Trennung von der Mutter.

14. Nach der Geburt sollte der Mutter möglichst bald die Gelegenheit zum Stillen gegeben werden.

15. Geburtshilfliche Einrichtungen, die mit dem Einsatz von Technik kritisch umgehen und emotionale, psychische und soziale Aspekte in den Vordergrund stellen, sollten bekanntgemacht werden. Diese Projekte sollten gefördert und ihre Erfahrungen veröffentlicht werden, um als Modelle für andere geburtshilfliche Einrichtungen zu dienen und die Einstellung zur Geburtshilfe in der Öffentlichkeit zu verändern.

16. Regierungen sollten über die Schaffung von Bestimmungen nachdenken, die den Einsatz neuer Geburtstechnologien nur nach angemessener Prüfung erlauben.

Diese Empfehlungen sind Teil des im April 1985 veröffentlichten Berichts "Appropriate Technology for Birth" der Weltgesundheitsorganisation. Der vollständige Bericht ist zu beziehen über: Regional Office for Europa, 8 Scherfigovej, Kopenhagen, Dänemark.

Übersetzung* mit Genehmigung und Unterstützung der WHO: Kontakt- und Beratungsstelle des Geburtshauses für eine selbstbestimmte Geburt e.V., Schönfließer Str. 17, Berlin.

* vom Geburtshaus stilistisch leicht modifiziert